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Das Comeback der Seattle Seahawks

Das Comeback der Seattle Seahawks

Etwas weniger als ein Jahr ist es her, dass die Seattle Seahawks mit einer unerwartet enttäuschenden Saison, die Playoffs erstmals nach fünf kontinuierlichen Teilnahmen verpassten. Danach war vom Ende einer erfolgreichen Ära die Rede. Ja sogar einen kompletten Neuanfang sagte man den Seahawks voraus. Nun, acht Siege und fünf Niederlagen später, steht Seattle auf Platz zwei der NFC West, mit besten Chancen die Postseason erneut zu erreichen.

Ende der „Legion of Boom“

Eine prägende Zeit neigte sich zuletzt dem Ende. Die Ära der „Legion of Boom“ schien spätestens mit der Entlassung von Cornerback Richard Sherman (30, heute San Francisco 49ers) als abgeschlossen. Außerdem verkündete Kam Chancellor (30, SS), nach einigen schweren Verletzungen, schweren Herzens sein Karriereende und hinterließ ebenfalls eine riesige Lücke. Eine Defensive die jahrelang die NFL dominierte und immer wieder herausragend performte, verlor damit ihre beiden besten Defensive Backs und zwei essenzielle Bausteine der Secondary.

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Auch in der Defensive-Line verabschiedete man sich von einem Pass-Rusher par excellence. Michael Bennett (33, DE) baute sich einen immensen Ruf auf und machte sich in den letzten fünf Jahren einen Namen in der gesamten NFL. Heute geht der Defensive-End für die Philadelphia Eagles auf Quarterback-Jagd. Und das nicht weniger erfolgreich als während seiner Zeit in Seattle.

Zu guter Letzt brach sich, der in der Offseason noch streikende, Earl Thomas (29, FS) in Woche vier sein linkes Bein. Als er auf dem Cart das Stadion verlassen musste, zeigte er was er nach gescheiterten Verhandlungen von den Seahawks-Verantwortlichen hielt. Der sechsmalige Pro-Bowler wird aller Wahrscheinlichkeit nach nie wieder für die Hawks im berüchtigten CenturyLink-Field auflaufen. Welches übrigens als lautestes Stadion der NFL gilt. Die „12th man“, wie sich die Fans der Franchise nennen, sorgen bei Heimspielen für absolute Gänsehautatmosphäre.

JahrPassing Def.Rush Def.
2017Rang 6Rang 19
2016Rang 8Rang 7
2015Rang 2Rang 1
2014Rang 1Rang 3
2013Rang 1Rang 7

Von wegen Rebuild

Kaum verwunderlich, dass Seattle nach derartigen Abgängen nicht gerade als einer der Playoff-Kandidaten galt. Doch gegen sämtliche Erwartungen und Vorhersagen, steigerte sich das Team Woche für Woche. Zu Beginn tat man sich noch sehr schwer, mit zwei Niederlagen startete man in die Spielzeit. In den sieben darauf folgenden Partien mauserten sie sich dann bis zu Woche elf zu einem Standing von vier Siegen zu fünf Niederlagen. Ein Zeitpunkt an dem sich einige Experten mit ihren Prognosen bestätigt fühlten. Was folgte, waren vier überragende Spiele. Die Green Bay Packers, Carolina Panthers, San Francisco 49ers und die Minnesota Vikings, Teams welche keineswegs nur Laufkundschaft sind, konnten den Seahawks nicht das Wasser reichen. Und so gewannen diese vier weitere Partien in Serie.

Als Ersatz für die verlorenen Akteure, sollten Bradley McDougald (28, SS)und Shaquill Griffin (23, CB) in die Presche springen und weiter in den Fokus rücken. Was ihnen auch gut gelang. Mit Bobby Wagner (28, MLB) konnten die Seahawks zumindest einen Spieler ihrer legendären Verteidigung halten. Dieser liefert auch genauso ab, wie man es von einem Spieler seines Kalibers kennt und gehört weiterhin zu den Besten seines Faches.

Dennoch scheint wieder, wie in den Jahren zuvor, das immer besser werdende Kollektiv als wahre Stärke der Defensive. Sinnbildlich hierfür steht besonders der Sieg über die Vikings in der letzten Woche, bei dem man Kirk Cousins (30, QB) und Co. bei gerade einmal sieben Punkten hielt. Die Gesichter dieser neuen Defensive stellen zukünftig die Griffin-Brüder. Während Shaquill bereits sein zweites Jahr in der NFL verbringt, sorgte Shaquem Griffin (23, LB) besonders vor und während des Drafts für Furrore. Als erster einhändiger Spieler fand er den Weg in die Liga, konnte aber bisher nicht viel für sich verzeichnen.

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Ersatz für „Beastmode“?

Aber nicht nur die Defensive scheint immer harmonischer zusammen zu arbeiten, auch offensiv läuft die Maschinerie. Mit Chris Carson (24, RB) scheint endgültig ein adäquater Ersatz für Marshawn Lynch (32, RB) gefunden worden zu sein. Dieser erklärte 2016 seine Karriere für beendet, bevor er 2017 den Rücktritt vom Rücktritt verkündete und einen Vertrag bei den Oakland Raiders unterzeichnete. Mit dem Finden eines neuen Nummer-eins-Runningbacks, scheint eine lange Odyssee Seattles beendet zu sein.

Viele Spieler sollten in den letzten Jahren diesen Posten übernehmen, konnten die Erwartungen aber nicht erfüllen. Carson scheint nun die Lösung des Läuferproblems zu sein. In der gesamten Tiefe der Runningbacks ist Seattle nun richtig gut aufgestellt. Mit Mike Davis (25, RB)  steht eine solide Nummer zwei hinter Chris Carson. Sogar im Draft wurde hier noch gearbeitet und Rashaad Penny (22, RB) in Runde eins in den Staat Washington geholt, welcher zukünftig immer weiter eingebunden werden soll.

SpielerRushing YardsRushing TD
Chris Carson (RB)7945
Mike Davis (RB)4183
Rashaad Penny (RB)4132
Russell Wilson (QB)3060

Wilson einer der Besten

Der Star-Quarterback, Russell Wilson (30), liefert Mal wieder eine sehr starke Saison ab. Er legt zwar nicht übermäßig viel Raum mit seinen Pässen zurück, spielt aber mit einem Quarterback-Rating von 111.0, seine bisher beste Saison. 29 Touchdowns bei nur sechs Interceptions kann er bis dato auf seine Agenda schreiben. Auch zu Fuß ist Wilson weiterhin einer der besten des Sports. Der viermalige Pro-Bowler schafft es immer wieder aus schier ausweglosen Situation heraus zu huschen, dem Sack doch noch in letzter Sekunde zu entkommen und das lederne Ei an den Mitspieler zu bringen. Wäre „the Magician“ nicht so unglaublich flink, könnten gegnerische Defensiven einige Sacks mehr für sich verbuchen.

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Offensive-Line weiterhin Achillesferse

Wo man auch gleich beim Schwachpunkt des Teams angelangt ist. Die fünf Spieler die dafür sorgen sollen, dass Wilson mehr Zeit zum Passen hat und sich Lücken für die Runningbacks bilden, zählen auch dieses Jahr nicht zur Elite. Bereits in der letzten Spielzeit befand sich der mobile Quarterback zu oft auf der Flucht und musste sich Zeit zum Passen selbst verschaffen, oder selbst laufen. Eigentlich sollte hier, in der Offseason, die meiste Arbeit investiert werden. Was allem Anschein nach auch versucht wurde. Zwar wurde der Veteran D.J. Fluker (27, RG) verpflichtet, doch die Offensive-Line scheint nur geringfügig stabiler geworden zu sein.

Heute gehört sie noch immer zu den acht löchrigsten der Liga. Bereits 39-mal wurde der Quarterback von gegnerischen Verteidigern zu Boden gebracht. Zum Vergleich: Am wenigsten ließ hier die Line der New Orleans Saints zu, sie erlaubten bisher nur 14 Sacks, während die Dallas Cowboys hier den letzten Rang mit 48 Sacks belegen.

Der Vater des Erfolgs

Der Drahtzieher hinter dem Gebilde ist Pete Carroll (67, HC). Der Head Coach schafft es wie kein zweiter ein unglaublich starkes Kollektiv aufzubauen und wahre Kameradschaft zu formen, was er schon mit der „Legion of Boom“ bewies. Seine Arbeit krönte er im Superbowl 48 im MetLife-Stadium in New York. Die Vince-Lombardi-Trophy ging nach Seattle, nachdem sie mit den Denver Broncos förmlich den Boden fegten. Mit 43:8 siegten die Hawks und setzten ein bemerkenswertes Statement. Im Jahr darauf führte der Coach sein Team erneut ins größte Sportereignis der Welt, scheiterte aber schließlich an den New England Patriots.

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Carroll, der die Patriots von 1997-1999 selbst coachte, geriet heftig in die Kritik, als er ein Yard vor der Endzone keinen Lauf über Marshawn Lynch, sondern ein Passspiel callte. Dies führte zur spielentscheidenden Interception und die Seahawks verließen niedergeschlagen das Stadion. Dennoch genießt Pete Caroll einen mit Bill Bellichick (66, HC der New England Patriots) vergleichbaren, unumstößlichen Ruf bei seinem Arbeitgeber und den Anhängern der Franchise. Zweifellos gehört er auch zu den besten seiner Zunft und kann auf eine bisweilen grandiose Karriere als Trainer zurückblicken. Es wird also sehr interessant werden, wie sich sein Team in den fast schon erreichten Playoffs schlägt und wie weit die Reise für die bereits vor der Saison abgeschriebenen Seeadler geht.

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